Wissenschaftlich bewiesen – was wissen wir wirklich?

Wir lesen oft Berichte, in denen behauptet wird, bestimmte Fakten seien wissenschaftlich bewiesen. Seien es Lebensmittel, die gesund oder schädlich sein sollen, der Klimawandel oder die Umweltschädlichkeit von Autos. Wir glauben an ein in Stein gemeißeltes Weltbild und suchen dessen Bestätigung in wissenschaftlichen Fakten. Ist etwas erst einmal „wissenschaftlich bewiesen“, gilt es als unumstößlich – und jeder, der widerspricht, gilt schnell als Aluhutträger oder Spinner.

Ich will hier keinesfalls alles infrage stellen. Wissenschaft funktioniert, sie hat unser Weltverständnis geprägt und ohne sie gäbe es kaum technischen Fortschritt. Doch Wissenschaft funktioniert anders, als viele glauben. Und genau diese Funktionsweise erklärt auch, warum in den 1920er-Jahren Rauchen noch als „gesund“ galt – wissenschaftlich belegt. Heute schütteln wir darüber nur noch den Kopf und denken uns: „Ach, was waren die doch naiv.“ Aber über welche „gesicherten Erkenntnisse“ von heute werden wir in 100 Jahren ebenso denken?

Wie kann das sein? Warum geht Wissenschaft von etwas aus, das wenige Jahre später schon wieder ganz anders gesehen wird? Kann sich Wahrheit einfach ändern? Waren die Menschen früher wirklich so naiv? Und wie naiv wirken wir vielleicht aus der Zukunft betrachtet?


Was ist Wissenschaft?

Lasst uns einen Blick darauf werfen, was Wissenschaft ist und wie sie funktioniert.

Wissenschaft ist der Versuch, Sachverhalte objektiv zu erfassen – aus einer im Grunde immer subjektiven Perspektive. Subjektiv deshalb, weil uns letztlich nur unsere Sinne zur Verfügung stehen. Wir sehen, fühlen, hören, riechen, schmecken – aber all das passiert im Kopf. Wir müssen davon ausgehen, dass die Signale, die unser Gehirn verarbeitet, ein realistisches Abbild unserer Umwelt liefern.

Der Philosoph René Descartes sagte: „Ich denke, also bin ich.“ Dieser Satz bringt das Grundproblem auf den Punkt: Im Kern wissen wir nichts mit Sicherheit – außer, dass wir denken. Es ist denkbar, dass wir bloß Bits und Bytes in einer Simulation sind. Wir würden es nicht merken. Wenn wir aber unsere Umwelt verstehen wollen, müssen wir zumindest annehmen, dass das, was in unseren Köpfen ankommt, irgendeinen Bezug zur Realität hat. Ohne diese Annahme ist Wissenschaft sinnlos.

1+1=2

Wissenschaft folgt immer einem ähnlichen Ablauf: Jemand stellt eine These auf, formuliert eine Methode zur Überprüfung und versucht, diese These zu belegen. Oft geschieht das mathematisch – denn Mathematik gilt als logisch, objektiv und universal. Manchmal reicht aber auch ein Experiment.

Beispiel: Ein Obstsammler hat einen Apfel im Korb und legt einen zweiten hinzu. Seine These: „Ich habe nun zwei Äpfel.“ Beweis: 1 + 1 = 2. Das ist trivial – aber genau so funktioniert Wissenschaft im Kern.

Die Realität ist meist nicht so einfach. Viele Phänomene lassen sich nicht so eindeutig fassen wie die Summe zweier Äpfel.

Ein Stein im Wasser

Gehen wir zurück in die frühen 1900er Jahre. Erst kurz zuvor hatte man entdeckt, dass ein überspringender elektrischer Funke in einer benachbarten elektrischen Leitung ein Störimpuls auslöste. Dieses Phänomen machte man sich zur Informationsübertragung zu Nutze und entwickelte es schnell weiter. Aus der Telegraphie würde Radiofunk und später Fernsehen. Heute übertragen wir alles mögliche über „Funkwellen“, ja wahrscheinlich liest du gerade diesen Artikel über eine WLAN Verbindung oder das Mobilfunknetz.

Damals war die Technik aber noch vollkommen neu und man versuchte zu verstehen, was man da entdeckt hatte. So versuchte man wissenschaftlich etwas zu begreifen was man mit seinen 5 Sinnen nicht wahrnehmen konnte. Man suchte nach einem Vergleich und den fand man dann auch als man beobachtete wie sich Wellen im Wasser ausbreiteten, wenn man einen Stein hinein warf. Man maß mit mehreren Antennen, an verschiedenen Positionen, das sich Funkwellen ähnlich ausbreiteten, woher letztlich auch der Name stammt: Eine Welle, die durch einen Funken ausgelöst wird.

Man schlussfolgerte, dass sich auch Funkwellen in einem Medium ausbreiten müssten – wie Wasser. Dieses hypothetische Medium nannte man „Äther“. Das galt damals als wissenschaftlich bewiesen. Funkwellen durchquerten also den Äther. Diese Schlussfolgerung reichte zunächst als wissenschaftlicher Beweis und fortan schickte man also Funkwellen sprichwörtlich durch den Äther.

Erst viel später, mit moderneren Experimenten und Erkenntnissen, welche über das klassische Atommodell hinaus gingen, begriff man das es sich dabei um Photonen handelte, welche sich bei Messung wie eine Welle verhielten und, ebenso wie das sichtbare Licht, auch nur ein kleiner Teil des gesamten elektromagnetischen Spektrums darstellten. Der Äther war also überhaupt nicht mehr zur Erklärung des Phänomens erforderlich. Weitere Experimente konnten seine Existenz letztendlich vollends widerlegen.

Welle oder Teilchen

Heute halten wir es für unbestreitbar: Es gibt Photonen. Sie sind Teilchen, bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit und verhalten sich bei der Messung wie Wellen. Über den Äther schmunzeln wir – weil wir es „besser wissen“.

Aber wissen wir es wirklich besser?

Das Doppelspaltexperiment zeigt: Wenn man Photonen durch zwei Spalte in einer Blende schickt, entstehen auf der Wand dahinter zwei klare Schattenbilder – so, wie man es erwartet. Die Photonen folgen, wie für Teilchen üblich, ihren geraden Bahnen. Dabei werden die geraden Spalten exakt auf eine dahinter liegende Wand projiziert, denn ähnlich einem Gegenstand im Sonnenlicht, wirft auch die Blende ihren Schatten. Beobachtet man jedoch genau, durch welchen Spalt das Photon geht, entsteht plötzlich ein Interferenzmuster – also Wellenmuster.

Alleine durch die Beobachtung wird aus dem Teilchen eine Welle. Die alleinige Tatsache ob wir hinsehen oder nicht, ändert also bereits das Messergebnis. Die Erklärung dafür liefert die Quantenphysik mit der Heisenbergschen Unschärferelation: Der Messvorgang selbst beeinflusst das Ergebnis.

Ich will dieses Modell der Quantenphysik nicht anzweifeln – aber es wirft Fragen auf. Und wenn man bedenkt, wie überzeugt man noch vor wenigen Jahrzehnten vom Äther war, stellt sich die Frage: Sind auch unsere heutigen Modelle irgendwann überholt? Oder haben wir bereits das Ende der Fahnenstange erreicht?

Teilchen zerschlagen

Wir sind längst über das Zählen von Äpfeln hinaus. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich heute kaum noch mit den fünf Sinnen erfassen.

Das Prinzip ist aber gleich geblieben: Man beobachtet etwas, stellt Theorien auf, testet sie mit Experimenten – und wenn sie sich bestätigen, gelten sie als „wissenschaftlich bewiesen“. Aber auch bewiesene Theorien können später widerlegt werden. Und viele neue Erkenntnisse beruhen längst nicht mehr auf direkter Beobachtung, sondern auf komplexen Messinstrumenten.

Beispiel: Teilchenbeschleuniger wie der Large Hadron Collider (LHC) am CERN. Hier werden Teilchen fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zum Zusammenprall gebracht. Tausende Sensoren erfassen die resultierenden Zerfallsprodukte, deren Daten in Hochleistungsrechnern analysiert werden. Die Ergebnisse werden mit theoretischen Modellen abgeglichen. Stimmt etwas nicht, wird nachjustiert oder neu gedacht.

Das ist moderne Wissenschaft: ein sich ständig veränderndes Gedankengebäude. Was heute als bewiesen gilt, kann morgen widerlegt sein. Neue Theorien kommen, alte fallen. Und so geht es immer weiter.


Und was heißt das für „wissenschaftlich bewiesen“?

Es heißt: „Wissenschaftlich bewiesen“ ist kein endgültiges Urteil. Es bedeutet lediglich, dass aktuelle Daten und Messungen mit einer bestimmten Theorie übereinstimmen – unter den gegebenen Bedingungen, mit den vorhandenen Methoden. Nicht mehr, nicht weniger.

Was heute Konsens ist, kann morgen Geschichte sein. Nicht weil die Wissenschaft versagt, sondern weil sie funktioniert. Wissenschaft lebt vom Zweifel, von der Falsifizierbarkeit, vom Hinterfragen des Bestehenden. Der Satz „Das ist wissenschaftlich bewiesen“ ist also kein Siegel für ewige Wahrheit – sondern eher ein Zwischenstand im besten Denkmodell, das wir derzeit haben.

Wer sich auf „wissenschaftlich bewiesen“ verlässt, verlässt sich auf ein bewegliches Ziel. Wissenschaft ist kein Dogma, sondern ein Prozess. Ein Werkzeug, um die Welt besser zu verstehen – nicht, um sie in absolute Wahrheiten zu pressen.

Die Aussage „Das ist wissenschaftlich bewiesen“ sollte nicht als Ende einer Diskussion stehen, sondern als Anfang einer kritischen Auseinandersetzung.

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