Stromausfall auf der iberischen Halbinsel: Was hinter dem Blackout in Spanien steckt

Bereits vor zwei Wochen habe ich ausführlich über den Blackout auf der iberischen Halbinsel berichtet und hinterfragt, wie stabil unser Stromnetz wirklich ist:
Gefährliche Schwankungen: Wie stabil ist Europas Stromnetz wirklich?

Wie wir damals festgestellt haben, gestaltet sich die Ursachenforschung als äußerst schwierig – immerhin gibt es im Verbundnetz keinen großen Leuchtpfeil, der auf die eine Schwachstelle zeigt. Ein dickeres Kabel verlegen und et voilà, der Fehler ist behoben? So einfach ist es leider nicht. Zwar wird der Stromfluss auf einzelnen Leitungsabschnitten überwacht, doch in einem derart komplexen und in weiten Teilen vollautomatisch geregelten System lässt sich die Ursache einer solchen Kettenreaktion nur sehr schwer rekonstruieren.

Die Ursachenforschung läuft also weiter, doch es gibt neue Erkenntnisse. So kann laut der spanischen Regierung zum jetzigen Zeitpunkt ein Cyberangriff auf das spanische Stromnetz ausgeschlossen werden. Nur wenige Sekunden vor dem Ausfall kam es in einem Umspannwerk in Granada aufgrund eines technischen Fehlers zu einem Ausfall. In der Folge traten nur Augenblicke später weitere Ausfälle in Badajoz und Sevilla auf. Dadurch fehlten plötzlich rund 2,2 Gigawatt an elektrischer Leistung – eine Schieflast, die das gesamte Stromnetz der iberischen Halbinsel ins Wanken brachte. 1 2 3

Ökostrom als Ursache ausgeschlossen?

Der Ausfall ereignete sich um 12:33 Uhr spanischer Ortszeit – also zu einem Zeitpunkt, an dem die Sonneneinstrahlung ihren Tageshöhepunkt erreicht. Daher kann ein Energieunterangebot wohl ausgeschlossen werden.

Zwar plant auch Spanien, bis zum Jahr 2027 aus der Kernenergie auszusteigen, doch aktuell werden dort noch knapp ein Fünftel des gesamten Strombedarfs durch Kernspaltung gedeckt – Kraftwerke, die zur fraglichen Zeit aufgrund des hohen Anteils an Ökostrom kaum voll ausgelastet gewesen sein dürften.4 Da stellt sich die Frage: Hätten weitere Kernkraftwerke den Ausfall wirklich verhindern können? Immerhin gehört die Kernenergie zu den nur sehr träge regelbaren Stromerzeugern, während regenerative Quellen binnen Sekunden hoch- und runtergefahren werden können – vorausgesetzt, es scheint die Sonne oder der Wind weht. Und an Sonnenlicht mangelte es zu dieser Tageszeit sicher nicht.

„Sicheres Stromnetz“ mit fadem Beigeschmack

Welche Lehren lassen sich nun aus dem Vorfall ziehen? Ist unser Stromnetz wirklich sicher – nur weil sich der Blackout nicht über Frankreich oder ganz Europa ausbreiten konnte? Oder war es eher ein glücklicher Zufall, dass sich der Ausfall zu einem Zeitpunkt ereignete, zu dem grenzübergreifend kaum Stromhandel betrieben wurde?

Das Stromnetz der iberischen Halbinsel nimmt eine Sonderstellung im europäischen Verbundnetz ein. Aufgrund der geografischen Lage ist es zwar synchronisiert, aber dennoch relativ isoliert. Nur wenige Höchstspannungsleitungen verbinden es mit Frankreich. Diese „schwache“ Verbindung macht das Netz anfällig für Störungen – wie wir es gerade erlebt haben. Gleichzeitig verhinderte sie aber auch, dass es auf französischer Seite zu starken Netzschwankungen kam.

Natürlich könnte man argumentieren, dass eine stärkere Anbindung an Nachbarländer einen dynamischeren Ausgleich ermöglichen würde. Doch man darf nicht vergessen: Eine vergleichsweise geringe Schieflast von nur 2,2 Gigawatt führte bereits zum Totalausfall. Ohne die ausgefallenen Umspannwerke hätte dieser Verlust vermutlich ohnehin nicht durch externe Zufuhr kompensiert werden können. Die eigentliche Frage ist daher: Was wäre passiert, wenn die schwache Verbindung zu Frankreich – quasi als Damm – nicht gehalten hätte? Oder was würde geschehen, wenn ein ähnlicher Störfall in Umspannwerken mitten in Europa auftreten würde?

Fazit

Das europäische Verbundnetz zählt zu den sichersten und zuverlässigsten Stromnetzen der Welt. Doch das bedeutet nicht, dass es unverwundbar ist. Technische Defekte können auftreten – und Sabotage kann in der heutigen Zeit nicht ausgeschlossen werden. Gleichzeitig machen wir uns zunehmend abhängig von einer ordnungsgemäß funktionierenden Stromversorgung.

Ohne Strom geht heute nicht nur das Licht aus: Wir heizen elektrisch, unsere Autos fahren zunehmend elektrisch, wir kochen, kühlen, kommunizieren – alles elektrisch. Ein Krankenhaus ohne Strom? Unvorstellbar. Der Lebensmittelverkauf im Supermarkt ohne elektronische Kassen? Ebenfalls nicht möglich. Und wer glaubt, mit einem Verbrenner auf der sicheren Seite zu sein: Viel Spaß beim Tanken – ohne elektrische Förderpumpen kommt auch kein Tropfen Kraftstoff aus dem unterirdischen Tank.

Ohne elektrische Energie würde das Land – ja ganz Europa – innerhalb weniger Tage im absoluten Chaos versinken. Wir können nur hoffen, dass ein solches Szenario, wie es etwa Marc Elsberg in seinem Roman Blackout beschreibt, niemals Realität wird. Doch es wäre klug, sich zumindest gedanklich mit einem solchen Fall auseinanderzusetzen und vorbereitet zu sein. Denn eine hundertprozentige Garantie für eine unverwundbare Stromversorgung gibt es nicht – wie auch der aktuelle Vorfall auf der iberischen Halbinsel eindrucksvoll gezeigt hat.

Quellen:

  1. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/erneuerbare-energien-stromausfall-im-umspannwerk-laut-regierung-wohl-ursache-fuer-blackout-in-spanien/100128360.html ↩︎
  2. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/stromausfall-im-umspannwerk-wohl-ursache-fuer-blackout-in-spanien-und-portugal-110476280.html ↩︎
  3. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/spanien-und-portugal-stromausfall-was-wissen-wir-faktenfuchs,UkKJHlw ↩︎
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_kerntechnischen_Anlagen_in_Spanien ↩︎

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