Europas Straßen sollen noch sicherer werden. Um das zu erreichen hat nun, so wie es zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls aussieht, die EU-Kommission einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach alle Fahrzeuge, welche alter als 10 Jahre sind, oder mehr als 160.000km gefahren haben, ab sofort jährlich zur Hauptuntersuchung müssen. 1 Dieser Forderung scheint unsere neue CDU-Regierung nun nachzukommen. 2
Die TÜV-Verbände äußern sich eindeutig positiv zu diesem Vorhaben und argumentiert das mit zunehmendem Fahrzeugalter die Reparaturhäufigkeit zunimmt, da öfters etwas kaputt geht. Fachkundige Interessenverbände, wie der ADAC, oder auch der ZdK (Zentralverband deutsches Kraftfahrzeuggewerbe), halten vehement dagegen und sehen dahinter nur Geldschneiderei und ein Paradebeispiel für deutschen Bürokratie-Regelwahnsinn. Doch wie sieht nun die Realität auf unseren Straßen tatsächlich aus?
Zustand der Autos
Bereits heute ist es gängige Praxis das ein Teil unserer Fahrzeuge jährlich bei der Hauptuntersuchung vorgeführt werden muss, nämlich Mietwagen und Taxis. Da Diese eine erheblich größere jährliche Laufleistung haben, und Verschleiß hauptsächlich mit der Kilometerleistung einher geht, macht das auch durchaus Sinn. Alle anderen Fahrzeuge reichte bislang ein Prüfabstand von 2 Jahren. Doch ist deren Zustand daher schlechter?
Im Werkstattalltag begegnen mir grundsätzlich zwei Arten von Fahrzeugen (und Fahrzeughaltern). Dem Großteil der Fahrezughalter ist bewusst das es hier um Sicherheit geht. Neben der zweijährigen Hauptuntersuchung kommen die Fahrzeuge jährlich zur Inspektion in die Werkstätten. Sicherheitsrelevante Mängel werden zeitnah beseitigt und es wird kein Risiko eingegangen. Hierbei spielt das Fahrzeugalter auch keine Rolle. Zwar nimmt mit zunehmendem Fahrzeugalter die Reparaturhäufigkeit erstmal zu, doch irgendwann pendelt sich das auch wieder ein, da bereits ersetzte Teile wieder eine lange Zeit halten. Hier gibt es durchaus gut gepflegte und gewartete Fahrzeuge, welche weit über 20 Jahre alt sind, und deren Alter man ihnen nicht ansieht.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Ein paar wenigen Fahrzeughaltern scheint hier alles egal zu sein. Für Diese muss ein Fahrzeug nur fahren. Und solange es das macht, ist für diese Leute die Welt in Ordnung. Gefahren werden ignoriert. Wartung? Überflüssig. HU-Termine? Werden regelmäßig überzogen – solange es nicht mehr als zwei Monate sind, ist das ja „nicht schlimm“. Erst danach kostet es schließlich mehr.
Genau für solche Fälle könnte eine jährliche HU sinnvoll sein, zumindest in einer idealen Welt. Doch wir leben nicht im Bilderbuch. Ich habe Fahrzeuge gesehen, die bei der HU wegen gravierender Mängel durchgefallen sind: durchgerostete Karosserien an tragenden Teilen, verrostete Bremsleitungen, falsche oder defekte Beleuchtung, Reparaturkosten im hohen vierstelligen Bereich. Einen Monat später: Das gleiche Auto steht zum Ölwechsel auf dem Hof – mit frischer HU-Plakette und ohne jegliche Reparatur.
Andere Fahrzeuge werden zum Fahrzeugcheck gebracht und mit der Aussage „nur gucken, nichts machen“ übergeben. Hier fallen gravierende, erhebliche Mängel auf, wie total abgefahrene und poröse Reifen, ausgeschlagene und abgerissene Lenkerlager, durchgerostete Achskörper, usw… Mängel die offen ersichtlich bereits lange bestehen und nicht erst in den letzten Wochen aufgetreten sein können. Und trotzdem: eine funkelnagelneue Plakette prangt am Heck.
Menschliches Versagen

Das Problem liegt in solchen Fällen klar auf der menschlichen Seite. Ich möchte hier keine Namen nennen, und die große Mehrheit der Prüfer arbeitet gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Doch offenbar gibt es auch heute noch einige schwarze Schafe, die es mit ihrer Aufgabe nicht so genau nehmen. Die Beweggründe sind schwer nachzuvollziehen, schließlich haften die Prüfer persönlich, wenn aufgrund übersehener Mängel ein Unfall passiert.
Zwar gibt es regelmäßige Qualitätskontrollen, doch offenbar nicht lückenlos genug, um jede „Gefälligkeitsplakette“ zu verhindern. Und genau hier liegt der Haken: Eine jährliche HU bringt keinen Sicherheitsgewinn, wenn Mängel weiterhin durchgewunken werden. Wer heute mit erheblichen Mängeln durch die zweijährige Prüfung kommt, schafft das auch jährlich.
Was sagen die Prüfer selbst?
Ich habe mit mehreren Prüfern unterschiedlicher Organisationen gesprochen. Auch wenn der TÜV als Institution die jährliche Prüfung öffentlich begrüßt, die Meinung der Prüfer selbst fällt differenzierter aus.
Erhebliche Mängel treten laut ihren Aussagen häufig bereits bei der ersten HU nach drei Jahren auf, insbesondere auch bei modernen Elektroautos. Da hier ein Großteil der Bremsleistung über Rekuperation erfolgt, verrosten die Bremsen oft frühzeitig und fallen durch. Aber auch Fahrwerksteile wie Traggelenke oder Lenkerlager zeigen schon bei jungen Fahrzeugen deutlichen Verschleiß. Fahrzeuge über zehn Jahre sind daher nicht automatisch anfälliger. Zwar können die Anzahl verschiedener Mängel zunehmen, da mit dem Alter mehr Baugruppen verschleißen. Doch die Intervalle, in denen Defekte auftreten, werden nicht kürzer, denn neu verbaute Teile halten wieder genauso lange wie zuvor.
Wer profitiert?
Ganz nüchtern betrachtet: Die Prüforganisationen. Wenn künftig doppelt so viele HU-Termine anfallen, steigen Umsatz und Auslastung deutlich, ohne dass die Prüfung dadurch günstiger wird. Für den TÜV bedeutet das ein Umsatzplus von potenziell 100 %. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Die Sicherheit auf deutschen Straßen wird durch die neue Regelung jedenfalls nicht erhöht. Wer bislang immer nur dort zur HU gefahren ist, wo der Prüfer möglichst wenig prüft, der wird dieses auch weiterhin so machen, fortan nur halt jährlich und nicht nur alle zwei Jahre. Zur Erhöhung der Sicherheit muss man sich Strategien überlegen wie man insgesamt die Qualität der Hauptuntersuchung steigert und Prüfern, welche die Plaketten offensichtlich „blind“ verschenken, das Handwerk legt. Auch wenn das leider hieße das es 99% aller Prüfer, die ihren Job gewissenhaft und verantwortungsbewusst ausführen, die Arbeit erschweren würde.
Eine Alternative dazu…
Eine effiziente Möglichkeit wäre es, wenn die Prüf-Ingenieure die Plaketten nicht mehr selbst vergeben dürften, sondern nur den Prüfbericht ausstellen würden. Die Plakette müsste man sich dann, unter Vorlage des Prüfberichts und erneuter Vorführung des Fahrzeuges, bei einer zentralen Prüfstelle, innerhalb einer gewissen Frist, im Nachhinein abholen. Hier könnten dann sporadisch nochmal Qualitätskontrollen durchgeführt werden, vielleicht auch abhängig von Kriterien welcher Prüfer das Fahrzeug abgenommen hat, wie lange dessen letzte Überprüfung schon her ist oder ob er bereits auffällig geworden ist. Zwar würde dieses einen Mehraufwand bedeuten, dieser „zweite Termin“ fällt aber auch in Zukunft mit der jährlichen HU an und wird weitaus weniger effektiv sein.
Einen anderen Weg gehen hier die Niederlande: Dort werden die Fahrzeughalter persönlich in die Verantwortung genommen, und haben selbst für die Verkehrssicherheit ihrer Autos Sorge zu tragen. Heißt mit anderen Worten, das wenn aufgrund eines Mangels am Fahrzeug ein Unfall verursacht wird, das der Halter dann persönlich und in voller Höhe, dafür haftbar gemacht werden kann. Eine HU, wie in Deutschland, gibt es dort nicht. Das holländische Äquivalent dazu ist die APK, welche erstmals nach 3 Jahren, und fortan immer jährlich durch einen Meister eines Fachbetriebes durchgeführt werden muss. Hier geht es jedoch lediglich um die technische Überprüfung. Ob angebrachte Teile zulässig sind, wird dort nicht überprüft. Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt das auch hier kein signifikanter Unterschied zu Deutschland erkennbar ist. 3
Fazit:
Deutschland macht seinem Ruf als Bürokratie-Vorreiter wieder einmal alle Ehre. Die geplante Neuregelung hilft der Verkehrssicherheit kaum, aber füllt zuverlässig die Kassen derer, die sie fordern. Gleichzeitig werden ältere Fahrzeuge künstlich unattraktiv gemacht und ein Kaufanreiz für Neuwagen geschaffen. Es wirkt fast so, als sei politisch gewollt, dass Fahrzeuge möglichst frühzeitig ersetzt werden, ganz gleich, ob sie technisch noch in gutem Zustand sind oder nicht.
So kamen vor zwei Jahren bereits Befürchtungen auf das die Reparatur von Fahrzeugen, welche älter als 15 Jahre sind, verboten werden könnten. Größtenteils hat sich das als „Fake-News“ und Panikmache in den sozialen Netzwerken rausgestellt. 4 Tatsächlich liegt dem allerdings eine EU-Verordnung für das Recycling von Fahrzeugen zu Grunde 5, wonach Fahrzeughalter zur fachgerechten Entsorgung nicht mehr benötigter Autos verpflichtet werden sollen. Eine ähnliche Regelung ist in Deutschland bereits seit Jahren als Altfahrzeug-Verordnung bekannt. 6
Es bleibt also spannend mit anzusehen, welche „bösen“ Überraschungen da in Zukunft noch auf uns zukommen werden, wenn weiterhin völlig fachfremde Personen Gesetze verabschieden und dabei nur auf Jene hören, die ein eindeutig finanzielles Interesse an der Befürwortung haben.
Quellen:
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/tuev-ts-106.html ↩︎
- https://www.focus.de/auto/gebrauchtwagen/gebrauchtwagen-mega-tuev-im-anmarsch-was-alles-ueberprueft-werden-soll-und-wie-teuer-es-wird_6a477c6e-e6cf-4c5a-b6f7-eaf4b9dcc62e.html ↩︎
- https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20190410STO36615/verkehrsunfallstatistiken-in-der-eu-infografik ↩︎
- https://www.tagesschau.de/faktenfinder/altfahrzeug-reparatur-eu-100.html ↩︎
- https://germany.representation.ec.europa.eu/news/kreislaufwirtschaft-eu-kommission-legt-eine-verordnung-fur-recycling-von-fahrzeugen-vor-2023-07-13_de ↩︎
- https://www.gesetze-im-internet.de/altautov/BJNR166610997.html ↩︎