PKW-Fahrzeugtechnik > Fahrwerk > Reifen > Sommer – Winter – Ganzjahr: Der richtige Reifen für jede Jahreszeit
Wann solltet ihr eure Reifen wechseln?
„Wer mit Winterreifen durchfährt, riskiert ein Bußgeld“
So, oder so ähnlich, titeln derzeit viele Presseagenturen ihre Überschriften zum Thema Reifenwechsel. Zwei mal im Jahr, immer wieder und wieder, finden sich zahlreiche Clickbait-Überschriften auf den Newsseiten unserer Presseagenturen, gezielte Panikmache mit der Absicht uns auf ihre, meist mit Werbeanzeigen überladenen Artikel zu locken, wo dann völlige Banalitäten drin stehen.
Doch betrachten wir das Thema mal nüchtern: Was kann, was sollte, was muss und was macht überhaupt Sinn?
Technischer Hintergrund
Reifen sind nicht einfach nur schwarzes Gummi in eine runde Form gepresst. Die Zusammensetzung der Lauffläche moderner Reifen ist heute ein chemisches High-Tech-Produkt. Führende Reifenhersteller auf der ganzen Welt forschen fortlaufend daran wie man diese Mischung optimieren kann, in Hinblick auf Haftung unter verschiedenen Bedingungen. Aber auch Ökologie spielt da eine wichtige Rolle. Schließlich gelangt der Reifenabrieb in Form von Feinstaub in unsere Umwelt, wird vom Wind aufgewirbelt und von uns teilweise sogar eingeatmet. Und das Recycling der rund 13,5 Millionen Tonnen abgefahrener Reifen, welche jährlich ausgemustert werden, gestaltet sich als äußert schwierig. In Deutschland werden so nur rund 30% davon als Rohstoff, beispielsweise in der Asphaltfertigung, wieder verwendet. Der Rest wird als Brennstoff in der Industrie, beispielsweise bei der Zementfertigung, verfeuert.
Uns interessiert jedoch weniger der ökologische Fußabdruck, als mehr die Eigenschaften während der Fahrt. Neben Werten wie Kraftstoffeffizienz, Lautstärke, Haltbarkeit, und Spurtreue, kommt es vor allem auch auf die Haftung an. Reifen sollen möglichst gut am Boden halten, und das möglichst bei jeder Gegebenheit, egal ob im Sommer bei 30°C, ob bei Frost und Schnee, oder bei sturzflutartigen Regenfällen. Und hier liegt schon das große Kernproblem begraben. Je nach Jahreszeit haben wir verschiedene Anforderungen an die Lauffläche der Pneus.
Winter
Winterreifen haben in der Lauffläche eine weichere Gummimischung, welche auch bei Minusgraden flexibel bleibt und sich der Straßenbelags-Oberfläche perfekt anpasst. Obendrein ist das Profil der Reifen feingeriffelt, damit sich dessen Lamellen perfekt in losen Untergrund, beispielsweise bei Schnee auf der Fahrbahn, „krallen“ können. Mit steigender Temperatur wird die Gummimischung immer weicher. Der Reifen fängt an zu rutschen, der Bremsweg wird länger und die Seitenführungskräfte nehmen ab. Rollwiderstand wird höher und somit auch der Kraftstoffverbrauch. Durch den erhöhten Schlupf hat man auch einen größeren Verschleiß, denn da wo was reibt, da reibt man auch was ab. Alles nicht ideal im Sommer.
Sommer
Aber auch Sommerreifen ist nicht gleich Sommerreifen. Hier beeinflussen sich die verschiedenen Werte gegenseitig. Optimiert man für Nasshaftung, hat der Reifen potentiell mehr wasserableitende Rillen im Profil und ist daher meist lauter auf der Fahrbahn. Dem entgegen hat ein besonders leiser Reifen nicht so gute Wasserverdrängungseigenschaften. Es gibt Reifen, die besonders auf Kraftstoffeffizienz getrimmt sind. Diese werden meist jedoch neu nur mit 6mm Profiltiefe, hingegen zu 8mm bei gewöhnlichen PKW-Neureifen, ausgeliefert. Durch die niedrigeren Profilblöcke hat man einen geringeren Rollwiderstand, aber auch hier sind die Wasserverdrängungseigenschaften schlechter. Einige Gummimischungen „kleben“ besser auf der Fahrbahn, was jedoch den Reifenverschleiß wieder signifikant erhöht, da sie weicher sind. Die Frage ist, welchen Tod wollen wir sterben, welche Eigenschaften sind für uns wichtig? Es nützt also recht wenig mit dem neuesten Reifentest vom ADAC bewaffnet den lokalen Reifenhändler aufzusuchen. Eine Fachkundige individuelle Beratung ist da unerlässlich.
Ganzjahr
Ganzjahresreifen sind quasi die „eierlegende Wollmilchsau“ unter den Reifen. Sie versprechen perfekte Haftung zu jeder Jahreszeit. Aber steht das nicht im krassen Gegensatz zu dem, was wir gerade über Sommer- und Winterreifen gelesen haben?
Bei den ersten Ganzjahresreifen traf das auch auf alle Fälle zu. Mal abgesehen davon das sie rein rechtlich bei jeder Witterung erlaubt waren, waren sie auch bei fast jeder Witterung einfach nur Mist. Seit dem hat sich jedoch viel getan. Technisch gesehen sind sie immer noch ein Kompromiss zwischen Winter- und Sommerreifen, aber ein sehr guter. Die Elastizität der Lauffläche ist über einen wesentlich größeren Temperaturbereich nahezu konstant und eignet sich daher auch für ein weitaus größeres Temperaturspektrum. Tests auf verschneiter Fahrbahn haben im vergangenen Jahr gezeigt, das sie bei winterlichen Straßenverhältnissen in Deutschland dem Winterreifen in nichts mehr nachstehen. So hat beispielsweise der aktuelle „AllSeasonContact 2“ unseres deutschen Reifenherstellers Continental auf Schnee besser abgeschnitten als sein eigenes aktuelles Winterreifenmodell „TS870“. Zwar sind solche Tests immer mit Vorsicht zu genießen, denn sie zeigen immer nur einen kleinen Teil des gesamten Spektrums, welches ein Reifen abdecken muss, hier halt nur die Griffigkeit auf Schnee. Aber man erkennt durchaus das, zumindest im Winter bei uns, Ganzjahresreifen den Winterreifen in nichts mehr nachstehen.
Jedoch hat man im Sommer weiterhin einen größeren Verschleiß als bei Sommerreifen. Auch sind sie tendenziell lauter, neigen eher zur Sägezahnbildung und haben eine schlechtere Kraftstoffeffizienz.
Gerade wegen der Sägezahnbildung kommt man auch um einen jährlichen Radwechsel nicht drum herum. Um dem entgegen zu wirken, sollten Ganzjahresreifen einmal jährlich, oder spätestens alle 10.000km die Achse wechseln. Dieses macht sie für Fahrzeuge mit Mischbereifung (zwei unterschiedliche Reifengrößen auf den Achsen) recht unpraktisch.
Insbesondere der höhere Verschleiß im Sommer ist Grund dafür das Ganzjahresreifen für Vielfahrer nicht empfehlenswert sind. Wer mehr als 10.000km im Jahr unterwegs ist, dem ist gut geraten weiterhin zwischen Sommer und Winter zu wechseln, denn der Ganzjahresreifen hätte seine Wintertauglichkeit bereits nach einem Jahr eingebüßt und müsste ersetzt werden. Wer jedoch feststellt das er oder sie regelmäßig Reifen mit noch gutem Profil entsorgen muss, da sie überaltert sind, für den sind Ganzjahresreifen eine perfekte Alternative.
Rechtliche Situation (in Deutschland)
Der Volksmund spricht: „Von O bis O.“ Also von Oktober bis Ostern müsse man mit Winterreifen unterwegs sein. Doch stimmt das wirklich?
Tatsächlich gibt es in Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, keine allgemeine Winterreifenpflicht. Niemand kann dafür belangt werden wenn er das ganze Jahr über mit Sommerreifen unterwegs ist, insofern das Auto dann bei winterlichen Straßenverhältnissen stehen bleibt. Und dabei spielt es auch keine Rolle ob es dann auf Privatgrundstücken oder im öffentlichen Verkehrsraum geparkt wird, sofern es eben parkt und nicht genutzt wird.
Und erst recht gibt es keine Pflicht für Sommerreifen. Sicher sind Winterreifen nicht die beste Wahl für den Sommer, aber verboten sind sie nicht.
Die Aussage „von O bis O“ bezieht sich vielmehr auf die Temperaturverhältnisse. Tendenziell packt ein Winterreifen unter +6°C Außentemperatur besser als ein Sommerreifen. Auch ist vor Oktober und nach Ostern kaum mehr mit Schnee zu rechnen. Doch es wäre fatal sowas zu pauschalisieren. Es gab in Vergangenheit durchaus schon weiße Ostern. Und gerade in der Alpenregion kann sogar im Mai auf Passstraßen noch Schnee liegen. Und wer dann schon mit Sommerreifen unterwegs ist, riskiert ein Strafzettel, auch wenn Ostern bereits vorbei ist. Wann der ideale Zeitpunkt für den Wechsel ist, muss man ganz individuell entscheiden. Hier spielen Faktoren wie das Wetter, der Wohnsitz, die täglichen Fahrstrecken und die persönliche Abhängigkeit vom Auto mit rein. Wer viel nachts unterwegs ist, oder zwingend aufs Auto angewiesen ist, der sollte lieber noch etwas länger warten, als jemand der das Auto nur gelegentlich tagsüber braucht und im Zweifel auch mal stehen lassen kann.
Leasing
Eine Besonderheit stellt das Fahrzeugleasing dar. Hier ist einem gut beraten einen Blick in den Leasing-Vertrag zu werfen. Dort werden oft ganz konkrete Zeiträume für den Räderwechsel genannt. Ein zu früher Wechsel von Winter auf Sommer kann dann durchaus kostenmäßig nicht durch die Leasinggesellschaft abgedeckt sein. Auch werden oft MIndestprofiltiefen von 2, oder gar 3mm voraus gesetzt. Dieses sind jedoch ganz individuelle Vertragsbestimmungen, welche weder verallgemeinert noch übertragen werden dürfen!
Alpin-Piktogramm
Vergangenen Herbst ’24 wurde ein großer Hype darum gemacht das M+S Reifen nicht mehr zulässig sind. In Folge dessen stürmten Millionen besorgter Kunden in die Autohäuser, in der Sorge das Ganzjahresreifen nun verboten wären. Das ist natürlich Quatsch und wurde von der Presse absolut schlecht kommuniziert.
Umgangssprachlich wurden Ganzjahresreifen auch oft als M+S Reifen bezeichnet, da sie anfangs lediglich die M+S Kennung aufwiesen. Dieses ist ein amerikanisches Prüfverfahren um die Offroadtauglichkeit von Reifen zu testen, jedoch nicht nach europäischen Standards genormt. Daher wurde bereits vor über 10 Jahren ein europäisch genormtes Prüfverfahren eingeführt. Reifen, welche dieses bestanden, durften mit dem Alpin-Piktogramm gekennzeichnet werden. Dieses Piktogramm kennzeichnet einen Reifen als ausdrücklich wintertauglich und ist seither Voraussetzung für die Zulassung als Winterreifen. Jedoch bestand für die alte M+S Kennung eine Übergangsfrist von 10 Jahren, welche vergangenen Herbst ausgelaufen ist.
Das heißt jedoch nicht das M+S Reifen für den Winter unzulässig sind. Die Kennung hat nur einfach keine Relevanz mehr. Ausschlaggebend ist das Alpin-Piktogramm, welches auch schon seit 10 Jahren auf fast allen Ganzjahresreifen zu finden ist. Lediglich im grobstolligen SUV-Bereich gibt es noch einige wenige Reifen die, bis vor kurzem noch als Ganzjahresreifen verkauft wurden und nur die M+S Kennung aufweisen. Diese sind nun wirklich nur noch als Sommerreifen mit Offroadtauglichkeit zu betrachten, da ihnen die Zulassung für den Winter fehlt. Der Rest der Autofahrer braucht sich da wenig Gedanken zu machen. Der Ganzjahresreifen bleibt und alles was aktuell als Winter- oder Ganzjahresreifen verkauft wird, hat auch das Piktogramm.
Fazit
Reifen stellen das wichtigste Bindeglied zur Straße dar. Für unsere Sicherheit ist es daher unerlässlich darauf zu achten das wir den richtigen Reifen für den optimalen Halt auswählen. Paar wenige Meter mehr oder weniger Bremsweg können im Zweifel zwischen Leben und Tod entscheiden.
Jedoch gibt es, abgesehen von der Vorschrift Winterreifen bei Schnee oder Eis auf der Straße zu fahren, keine weiteren Vorschriften. Wir müssen also, entgegen der Behauptung in einigen Clickbait-Überschriften, in Deutschland keine Strafen fürchten wenn wir die Winterreifen das ganze Jahr über drauf lassen.
Auch dürfen wir die Reifen bis 1,6mm Profiltiefe hinunter fahren. Jedoch sollten wir uns selbst hinterfragen ob es so sinnvoll ist mit Reifentest von ADAC bewaffnet den Reifenhändler aufzusuchen, um den absolut „besten“ Reifen zu bekommen, wenn wir unsere alten Reifen bis zur Mindestprofiltiefe hinuntergefahren haben, oder diese schon weit über 6 Jahre alt sind. Auch der ADAC testet nur Neureifen. Denn mit zunehmenden Verschleiß verschlechtern sich sämtliche Eigenschaften erheblich. Dann doch lieber öfters mal ein neues, preiswerteres Modell aufziehen lassen, als das teuerste Spitzenprodukt bis zur Glatze hinunter zu radieren.